" WE 'RE LIVING IN A GOLDEN WORLD "

über die Werke Kommentar von Dr. Sabine Schütz zur Ausstellungseröffnung in der Kölner Bank vom 3.11.2004

Mit seinen großformatigen, goldglänzenden Bildtafeln fängt Boucherie ganz gezielt die Aufmerksamkeit des Betrachters ein, bewusst spielt er dabei mit der verzaubernden Anziehung, die das kostbare Metall auf den Menschen hat und immer schon hatte. Zwar ist nicht alles Gold, was glänzt, aber bei manchen Werken von Boucherie kann man durchaus von der Materialechtheit des kostbaren Metallauftrags ausgehen.

Bilder …. in dieser Ausstellung sind tatsächlich mit Blattgold überzogen. Und auch bei der Herstellung der anderen Werke ist echtes Gold im Spiel, und zwar als Pur-Lack aus der Spraydose. Dafür wird Goldpulver in Sprühlack aufgelöst und erzeugt so den authentischen Glanz des Metalls, dessen höchst empfindliche Oberfläche zum Schutz mit Klarlack überzogen wird. Zuvor aber hat Boucherie mit seiner typischen, reduzierten, linearern Zeichensprache einfache Figuren wie Strichmädchen in die Bildflächen aus MDF-Material eingefräst. Als Vorlagen dienten ihm dazu die Stars und Idole aus den Modemagazinen und aus der Werbung, denn ihn interessiert, wie Menschen von den Massenmedien zu Stars gemacht werden. Und Stars, das steht fest, sind machbar wie die Produkte jeder anderen Industrie. Gerade in einer modischen Stadt wie Düsseldorf, wo der Künstler seit einigen Monaten wohnt, wird dieses Phänomen geradezu auf den Höhepunkt getrieben.

Den Mannequins im Werk von Jerome Boucherie fehlt aber stets die obere Gesichtshälfte, die ja, durch die Augen, die Individualität einer Physiognomie entscheidend prägt. Ein Eindruck von Anonymität und Gleichförmigkeit wird so erzeugt. Jedoch –sofern Sie selbst der Generation der von der Werbung Angesprochenen angehören, geht es Ihnen vielleicht wie manchen Freunde des Künstlers, die Kate Moss oder Laetitia Casta auch ohne Augen und Nase, nur an ihren Mündern und Haaren erkannten. So weit ist es also schon gekommen mit unserem Promikult: Der Wiedererkennungseffekt funktioniert bei diesen stereotypen Ikonen bereits gesichtslos. Und allein mit der glanzvollen Zurschaustellung von Mündern und Haaren lassen sich Waren und Wünsche bestens verkaufen. Boucheries Konzept erinnert natürlich an die Künstler der Pop Art, die in den 60er Jahren ebenfalls die Werbung in den Mittelpunkt ihrer Kunst stellten. Vor allem Andy Warhol versuchte, die Grenzen zwischen Reklame- und Kunstwelt hemmungslos niederzureißen und trieb die Anonymisierung des Menschenbilds in der Kunst voran.

An diesem Punkt zwischen Reklame und Kunst setzt auch Boucherie an, indem er die glatten Oberflächen der Modezeitschriften – scheinbar – wiederholt; so schön, oberflächlich und glatt wie diese kommen auch seine Bilder daher. Doch indem er die Gesichter ausspart, macht er nicht nur auf die Monotonie der Modeindustrie aufmerksam, sondern er suggeriert den Betrachtern und Betrachterinnen auch, sie könnten sich identifizieren mit den Modeikonen, indem sie imaginär das eigene Angesicht in die Leerstellen projizieren.

Boucherie stört an dem Starkult unserer Gesellschaft vor allem die Manipulation, die die Werbemedien mit ihrer perfekten Vermarktung der Idole auf die Menschen seiner Generation ausüben.

Kunsthistorisch knüpfen Boucheries Modepuppen aber nicht erst an die Pop Art an, sondern beziehen sich, wenn auch in ziemlich ironischer Manier, auf die Kunst des Mittelalters, als der sonnengelbe Glanz des Goldgrunds die dargestellten, zumeist biblischen Personen, mit der Aura der Heiligkeit umgab und eine transzendente Atmosphäre schuf. Und auch technisch knüpft Boucherie zitierend an die alten Werke an, indem er das Punzverfahren mit der modernen Frästechnik aufgreift. Unsere postmodernen Götter sind aber keine himmlischen Wesen mehr, sondern weltliche Geschöpfe eines kommerziellen Menschenvermarktungsapparats.

Doch die Reminiszenz an die europäische Kunstgeschichte ist nur eine der Quellen, aus denen sich Boucheries Konzept speist. Anregend waren für ihn vor allem Kultbilder aus Asien, wo die Heiligen und Buddhas noch heute als schwer vergoldete Holzskulpturen verehrt werden und sogar die Affen in Gold strotzen. Eine solche maßlose Übertreibung des göttlichen Goldkults hatte es selbst im mittelalterlichen Europa nicht gegeben, und für Boucherie passt dieser asiatische Brauch fast noch besser zu seiner Kritik an den goldenen Diven unserer Tage. In seinem Atelier hängt eine denkwürdige Definition aus dem französisch-deutschen Wörterbuch, mit goldenen Lettern niedergeschrieben: Er beruht auf der ähnlichen englischen Schreibweise der Wörter Gold bzw. God. Demzufolge ist Gold sowie auch Gott etwas, dem zuviel Bedeutung beigemessen wird. Wie wahr.

Nach dem Fun-Motto „We’re living in a golden world“ schuf Jerome Boucherie kürzlich für eine Ausstellung einen vollkommen goldenen Raum, gefüllt nur mit goldenen Objekten. Die Relikte davon kann man noch in seinem Atelier bestaunen: darunter ein goldener Spiegel, goldene Spraydosen, und mehrere Rollen vergoldetes „Klopapier“.